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Geburtsberichte
 

Der längste Tag

von Phil

Vom Vater geschrieben

Der längste Tag

Samstag
Ich klage über leichtes Unwohlsein, mentaler Natur. Körperlich bin ich fit, doch
mein Kopf gibt mir das Gefühl, dass ich bald, sehr bald, den zwölf Runden Kampf gegen den amtierenden Weltmeister im Schwergewicht antreten muss:
Niedergeschlagenheit und Angst und ein erhöhter Adrenalinspiegel. Grauen vor dem bevorstehenden Stalingrad. Sanft erinnert mich meine Frau daran, das Sie unser Kind gebären wird, und nicht ich.

Sonntag Morgen
Ich habe mich die ganze Nacht hin und her gewälzt, es war grauenhaft. Um 06:00 Uhr morgens bin ich endlich in den Tiefschlaf gerauscht. Nie war schlafen so erholsam. Etwas stößt an meine linke Schulter und rüttelt daran. Das träume ich nur. Schlafen kann so schön sein. Das Rütteln wird immer stärker. Mein Gott, was ein Seegang. Die raue See wird von einer hohen, lauten, stressigen Frauenstimme begleitet. Frauenstimme? Schlagartig bin ich wach, meine Frau rüttelt immer noch an mir.
"Meine Fruchtblase ist geplatzt, tu etwas!"
"Scheiße, Scheiße."
"Nicht Scheiße - Kind, hol mir was zum anziehen!"
"Ja sofort."
Ich bin noch nie in meinem Leben so schnell aufgestanden. Ein Raketenstart. Ich hechte in das vordere Zimmer, wo der Kleiderschrank meiner Frau steht und reiße beim aufmachen fast die Schranktür ab. Eine Hose und ein Oberteil, verdammt, wo sind die Klamotten? Ich finde nichts passendes und werfe erst einmal einen Haufen Kleider auf den Boden, um den Überblick zu bekommen. Verdammt dazu habe ich jetzt keine Zeit! Es geht um Leben und Tod! Mit irgendetwas in der Hand schnelle ich zurück ins Schlafzimmer. Meine Frau wirft mir einen der sehr kritischen Blicken zu, als sie die Sachen sieht; nimmt sie mir aber aus der Hand. Ich fliege an das Telefon, die Nummer der Ambulanz liegt aufgeschlagen davor. Nichts geht über gute Organisation!

Nach dem dritten Klingeln habe ich eine nicht gerade Vertrauen erweckende Männerstimme am Apparat.
"Ärztlicher Notdienst, guten Morgen."
"Ich - Wir, ja meine Frau kriegt ein Kind."
"Sagen Sie mir doch erst mal Ihren Namen und Ihre Adresse", klingt es mürrisch aus dem Hörer.
"Urban, Äppelallee 42 hier in Wiesbaden"
"Äppelallee? Meinen Sie Apfelstrasse?"
"Nein verdammt - Äppelallee, kommen Sie nicht aus Wiesbaden?"
"Sie sind mit dem ärztlichen Notdienst in Frankfurt verbunden!"
"Heilige Makrele, dann rufe ich wohl mal besser die Kollegen hier in der Stadt an!"
"Tun Sie das" - Klack
Das kann nur mir passieren!
Jetzt wähle ich die richtige Nummer und bekomme eine ähnlich muffig klingende Männerstimme an den Apparat, der ich nun mein Begehr mitteile.
Ca. 15 Minuten später klingelt es an der Wohnungstür. Ich öffne und stehe zwei, mit roten Jacken gekleideten, Rettungssanitätern gegenüber, die von den Gesichtern her aussehen, als ob sie noch mitten in der Pubertät stecken. Die Geister die ich rief -
Ich lasse die beiden herein und renne in Richtung Schlafzimmer, um nachzuschauen, ob es meiner Frau in der Zwischenzeit gelungen ist sich anzuziehen. Sie hat es geschafft. Uff! Ziemlich blass um die Nase sagt sie mir, dass sie im Begriff sei auszulaufen. Ich renne wieder aus dem Schlafzimmer heraus, an den beiden Sanitätern vorbei, um wild gestikulierend nach Damenbinden zu suchen. Auf der Toilette finde ich sogar welche, Hosianna, preise den Herrn! Zurück im Schlafzimmer, schiebe ich die beiden Jünglinge wieder raus in den Flur. Dort erkläre ich ihnen, dass die Frauenärztin gesagt hat, dass die zukünftige Mutter in einem solchen Fall, unbedingt liegend ins Krankenhaus transportiert werden soll. Scheint die beiden nicht die Bohne zu interessieren. Der eine fragt, ob sie den laufen kann. Ich Idiot sage auch noch ja! Daraufhin schlurfen die beiden gemütlich wieder zurück zur Wohnungstür und gehen mit den Worten: "Na wir warten dann mal unten im Wagen", die drei Stockwerke wieder runter. Du Volltrottel, geht es mir durch den Kopf, aber ich habe jetzt keine Zeit für Diskussionen. Ich stürze zurück ins Schlafzimmer und stütze meine Frau beim Aufstehen. Ich merke, wie schwer ihr das Gehen fällt, aber jetzt ist es zu spät. Hornochse, dämlicher! In einer Hand die werdende Mutter, in der anderen den Klinikkoffer, schleichen wir vorsichtig die Treppe runter. Unten angekommen, warten schon die beiden Bubis auf uns, wenigstens haben sie sich bequemt, die Trage aus dem Krankenwagen zu holen. Ich springe wie James Bond auf der Flucht in das Wageninnere, den sperrigen Klinikkoffer noch in der Hand. Meine großartige, schwangere Liebe folgt liegend auf der Tragbahre. Einer der beiden Sanitäter senkt die Bahre hydraulisch ab, so dass sie den Klinikkoffer mit einem ächzenden Laut einklemmt. Gerade will ich etwas diesbezüglich sagen, als der Krankenwagen mit Hauruck und Tatütata los saust. Wir kommen innerhalb von zehn Minuten an der Notaufnahme des Krankenhauses an. Während der Fahrt habe ich wie ein Ochse an dem Koffer herum gezerrt und gleichzeitig so beruhigend wie möglich, auf meine Frau eingeredet. Die Ladeklappe des Wagens geht auf und ich zerre ein letztes Mal voller Verzweiflung an dem Koffer. Ein lautes Krachen und ich habe ihn in der Hand - zumindest den einen Teil. Durch das Lösen des Koffers ist die Tragebahre herunter geschnellt, ganz unhydraulisch. Meine Frau schreit, die Sanitäter schreien und meine Frau wird ohnmächtig. Echtes Krisenmanagement, erkennt man an seiner Wirkung auf die anderen Beteiligten!

Nach geringen Entwirrungsmaßnahmen im Krankenwagen, kommen wir in das Innere der Klinik. Unsere beiden Rettungsengel haben leider keinen Plan wie wir von der Notaufnahme zum Kreissaal gelangen. Da ich in meiner Jugend mal Pfadfinder beim Fähnlein Fieselschweif war, übernehme ich das Kommando und lotse uns in den Aufzug. Da sind zwar lauter kleine Schilder hinter den Etagen, aber auf keinem steht das Wort Kreissaal. Hölle und Sauerkraut! Einer der Engel meint lakonisch, der zweite Stock wäre ne coole Idee... noch so' n Spruch und ich reiße ihm den, Aber jetzt habe ich keine Zeit! Im zweiten Stock rollen wir hinaus, meine Liebste sieht aus wie nach dem Langstreckenlauf der Untoten. Auf dem Flur, in dem wir uns nun befinden, ist weit und breit kein Mensch zu sehen. Etwa in 100 Meter Entfernung ist eine Durchgangstür, die wir mit Tempo ansteuern. Nach dieser Tür blicken wir wieder in einen dieser endlosen Krankenhausflure. Mich beschleicht das Gefühl, dass wir hier an einem völlig entvölkerten Ende des Gebäudekomplexes angelangt sind. Trotzdem rollen wir weiter in Richtung nächste Glastür. Auf halber Strecke treffen wir eine Kopftuch tragende Frau vom Reinigungsdienst, die mit äußerster Akribie den Boden wischt. Wir eilen in einem Tempo, welches jedem Inlineskater Schweißperlen auf die Stirn gezaubert hätte, an ihr vorbei. Hinter der nächsten Glastür erblicken wir wieder die endlosen Weiten des Karbol Imperiums. Die beiden Sanis und ich schauen uns gleichzeitig an, blicken dann alle drei wortlos meiner armen, blassen Frau ins Gesicht und drehen um. Als wir wieder an der Putzfrau vorbei kommen, hebt diese kurz den Kopf und sagt freundlich: " Du Baby? Du dritter Stock!"
Ich könnte sie auf der Stelle abknutschen, vielleicht hole ich das später nach. Nach weiteren qualvollen Minuten, die mir wie Stunden vorkommen, gelangen wir endlich in den Kreissaal. Dort finden wir alles vorbereitet, eine nette, junge Hebamme weist uns ein. Wir sind zunächst erleichtert, dass wir endlich angekommen sind. Das Baby scheint das auch gemerkt zu haben, denn sogleich sorgt eine kräftige Wehe dafür, dass meine Frau mich mit vom Schmerz verzerrten Gesicht, wortlos anschaut. Ich habe auf ein Mal fünf Arme und zwei Köpfe. Mit zwei Armen durchsuche ich den Klinkkoffer nach ihrem Pyjama, mit den anderen zwei Armen tupfe ich ihr den Schweiß aus dem Gesicht und halte ihre Hand. Der fünfte Arm ist der Reservearm, der zum Einsatz kommt, falls die Hebamme meine Unterstützung braucht. Bei den zwei Köpfen verhält es sich ähnlich - der eine ist kurz vor dem Durchdrehen, der andere ist Reserve. In Abständen von 15 Minuten kommen die Wehen, Wogen des Schmerzes, die durch den Körper meiner Liebsten rauschen. Jetzt wird mir klar, dass sie gerade die Boxweltmeisterschaften bestreitet und ich nur der Trainer außerhalb des Rings bin. Aber als Trainer bin ich wichtig - sagt meine Frau. Ich bin verdammt froh dass sie das sagt. Ich fühle mich als totales Greenhorn. Aber nur einen Moment lang, bis die Hebamme mir mitteilt, ich solle mit meiner Frau atmen. Der Kreissaal dreht sich wie im Karussell. Mit der Zeit, kommt ein gewisser Rhythmus in die Sache, die Konzentration auf die Wehe, das langsame, gemeinsame Ein- und Ausatmen und das langsame wieder loslassen. Im Universum gibt es nur meine Frau, die Hebamme und mich. So arbeiten wir uns durch die elementarste Anstrengung, den erstaunlichsten Vorgang, den Menschen, glaube ich, erleben können. Nach einem Zeitraum, dessen Länge ich nicht bemessen kann, werden auf einmal die Herztöne des Kindes schlechter. Die eilig herbei gerufene Stationsärztin, schaut sich meine Liebste an und bestätigt die Tatsache. In meinem Kopf herrscht Ausnahmezustand.
"Kaiserschnitt, ab in den OP."
Die Hebamme beantwortet meinen fragenden Blick:
"Es tut mir leid Herr Urban, aber wir müssen jetzt in den Keller, dort ist der OP"
Alles geht jetzt sehr schnell. Wir lassen den Aufzug hinter uns und rollen in den weißen Saal, wo man uns zu erwarten scheint. Hinter ihren grünen Kitteln und Gesichtsmasken verbergen sich drei Personen. Man lotst mich in einen Nebenraum, wo ich auch einen grünen Kittel verpasst bekomme. Als ich wieder zurück in das Behandlungszimmer komme, stehen die drei Figuren immer noch reglos um meine Frau am Operationstisch herum. Meine Frau wirkt paralysiert und hilflos auf diesem nackten Tisch, warum passiert hier nichts?
"Wir warten noch auf Chefarzt Dr. Wagenhäuser, er muss jeden Moment kommen",
teilt mir eine, der Stimme nach weiblich klingende, grüne Gestalt mit.
Augenblicklich wachsen mir zwei Meter lange Hörner, die, die anderen Beteiligten erahnen lassen, das ich gleich aus meinem Kittel springe.
Der weibliche Grünling sagt schnell:
"Ich gehe mal fragen wo er bleibt", und hastet in das Nebenzimmer, wo sich ein Telefon befindet. Eine Minute, zwei Minuten, Ewigkeiten des Nichts. Dann erschüttert die nächste Wehe die Grundfesten des Krankenhauses und lenkt mich wieder zum Geschehen hin. Die zwei verbliebenen Schwestern kommen nun in Aktion und hantieren mit allerlei Apparaturen und Infusionsschläuchen herum. Kurze Zeit später kommt die erste Schwester aus dem Nebenraum zurück und hebt die Schultern.
"Ich kann Herrn Dr. Wagenhäuser nicht finden und er wollte doch dabei sein".
Vielleicht hat sein ewiges Golf spielen eine Amnesie bei ihm ausgelöst, durchzuckt es mein Gehirn. Die anderen zwei Schwestern, nesteln aufgrund dieser Aussage an ihren Gummihandschuhen.
"Tja, dann machen wir doch erst mal Mittagspause", nuschelt die eine scherzhaft und schickt sich an, den OP wieder zu verlassen.
"NUR ÜBER MEINE LEICHE" brülle ich, auf das sich der Putz von den Wänden löst.
"Nun regen Sie sich mal nicht so auf Herr Turban" kommt es aus der zweiten Reihe.
"ICH HEISSE URBAN UND WIR BEKOMMEN JETZT DIESES KIND, ODER ICH GARANTIERE FÜR GAR NICHTS MEHR".
Scheinbar hat mein Anfall, höhere Mächte ins Spiel gebracht, den kaum habe ich mir den Schaum vor dem Mund weg gewischt, geht die Tür zum OP von außen auf.
Herein kommt ein frohgelaunter, pausbäckiger Mann im weißen Arztkittel.
"Wagenhäuser mein Name, wie der Fluss" entgegnet er mir, mit einem verschmitzten Schmunzeln um die Augen. Seine warme, agile Art nimmt mir denn Wind aus den Segeln und die aufgestaute Spannung verpufft sogleich bei allen Anwesenden. Er geht gleich zur Sache über, schiebt mich leicht beiseite und murmelt einige medizinische Fachausdrücke in die Richtung der Schwestern, die sich wie von Geisterhand geführt bewegen.
Zwanzig Minuten später, erhellt sich gleißendes Licht über den glücklichsten Mann auf diesem Planeten, den man Erde nennt.














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