Cidy
Veröffentlicht: 13. April 2011 08:28
Um vielleicht Außenstehenden meine Gefühle etwas klarer zu machen, möchte ich bei unserem ersten Kind beginnen. Dieses Kind kam total ungeplant und anfangs auch nicht so recht bejubelt. Wir steckten in einer schwierigen beruflichen Situation, hatten gerade unsere Wohnung gekauft und mussten kräftig Raten zahlen, etc. Aber dieses Kind kündigte sich an. Oder auch nicht. Ich hatte die ganze Schwangerschaft hindurch meine Periode! Das letzte Mal 10 Tage vor der Geburt. Ich war die ganze Schwangerschaft durch im Stress, war noch alleine in Übersee im Urlaub, war im 4. Monat Skil aufen, war bis zum Schluss sportlich aktiv, 2 Wochen vor der Geburt das letzte Mal mit dem Mountainbike unterwegs und ein paar Tage vor der Geburt das letzte Mal schwimmen. Ich hatte 2 schwere Asthmaanfälle, bei denen ich wegen Sauerstoffmangel ohnmächtig wurde und habe mich oft gefragt, ob dieses Kind überhaupt gesund sein kann. Mit 2 Wochen Verspätung, nach 2 Einleitungsversuchen und einer ganz tollen, leichten, unkompliziertenund wunderschönen Geburt kam unser Sohn im Herbst '97 zur Welt und ist seitdem die Sonne unseres Lebens. Er ist ein unkompliziertes, liebes, freches Kind und - Gott sei es gedankt - kerngesund!
Im Krankenhaus lernte ich eine Frau kennen, die mir inzwischen eine liebe Freundin geworden ist. Unsere Kinder sind fast am gleichen Tag geboren worden. Ende letzten Jahres hatte ich gesundheitliche Probleme und musste deswegen Antibiotika nehmen. Anfang des Jahres hatte ich mal wieder so ein "Gefühl" und da ich mal wieder Antibiotika nehmen sollte und ganz sicher sein wollte, habe ich einen Schwangerschaftstest gemacht. Positiv. Diesmal herrschte von Anfang an eitel Freude darüber. Juchhu. Meine Freundin von der Entbindung des ersten Kindes erfährt kurz darauf, dass sie auch schwanger ist! Unsere 2. Kinder wären rechnerisch 10 Tage auseinander. Wir freuen uns gemeinsam. Mitte Februar beim Gynäkologen,das Herz schlägt schon sichtbar und ich freue mich. Kurz darauf bei einer Familienfeier weihen wir die Verwandtschaft ein. Mitte März nächster Termin beim Arzt. Alle Tests gemacht, zum Schluss nochmal Ultraschall, das Lächeln erstirbt. Ich konnte schon immer Ultraschall ganz gut "interpretieren". Noch bevor der Arzt was sagt, war mir klar, was los ist. Das Kind ist tot!!!
Mein kleiner Sohn steht neben mir. Der Arzt meint nur, das sei seiner Frau beim 2. Kind auch passiert. Sonst ziemlich unpersönlich und "geschäftsmäßig". Ausschabung! Muss ja sein. Wann? Sofort? Geht nicht. Mein Kind ist da, mein Mann kann nicht einfach weg. Nein, nächste Woche. Ich weiß nicht, wie ich nach Hause gefahren bin. Ein Wunder, dass ich keinen Unfall hatte. Der erste Schock geht langsam vorbei. Irgendwann kommt mein Mann, ich weine. Er nimmt es irgendwie etwas gelassener. Am nächsten Tag drehe ich halb durch, mit der Leiche im Bauch. Ich rufe den Arzt an, will einen früheren Termin für die Ausschabung. Es ist Mittwoch und ich soll also Freitag kommen. Donnerstag ruft der Arzt mich an. Ich hätte ja Asthma und da könne er mir keine Prostaglandin zum Muttermund-Weichmachen geben. Auf die Frage, warum ich denn dieses Medikament bei der Geburt unseres Sohnes bekommen habe und auch ausgezeichnet vertragen habe, kriege ich keine klare Antwort. Ich solle jetzt mal 10 Tage warten, ob es nicht von selber abblutet. Ich glaube, ich spinne. Da setzte ich Himmel und Hölle in Bewegung, um das tote Kind schnell los zu werden und werde vertröstet. Heulkrämpfe! Irgendwann rufe ich eine Freundin an, die Hebamme war und frage sie nach ihrer Meinung und nach ihrem Frauenarzt. Sie ist sehr zurückhaltend mit ihren Kommentaren, aber findet die Idee, eine 2. Meinung einzuholen. Gut. Eine Stunde später sitze ich bei ihrem Arzt in der Praxis und fühle mich gut aufgehoben und verstanden. Noch nie bin ich so vorsichtig und rücksichtsvoll untersucht worden. Die traurige Diagnose kann er leider nur bestätigen. Ich sitze vor ihm, während er versucht, einen OP-Termin für mich zu ergattern und mich dem Anästhesisten "schmackhaft " macht (die raucht nicht und trinkt nicht, ist gar kein Problem, das machen wir morgen noch schnell, gell?!?).
Tatsache, am nächsten Tag bin ich im Krankenhaus. Ich werde auf Station geschickt und stehe als Erstes vor dem Babyzimmer. Den halben Tag verbringe ich daraufhin heulend unter meiner Bettdecke. 18:00 Uhr ist es soweit. Runter in den OP. Runter von der Liege. Mein Arzt sagt erst mal, jemand solle doch dem armen Mädchen mal eine Decke geben. Wegen der Keimfreiheit ist es in OPs immer ziemlich kühl. Das Letzte, was ich unter der Maske sehe, ist der Arzt, der mich freundlich anlächelt. Ich wache auf, weil etwas im Rücken drückt. Eine Bettpfanne. Ich habe auf der Station angeblich hartnäckig und trotzig behauptet, ich müsse auf Toilette.
Langsam werde ich munter und bin total gut drauf. Als Erstes drehe ich den Tropf weiter auf, damit ich endlich den Zugang los werde und aufstehen darf. Und Hunger habe ich. Um 20:00 Uhr kommt mein Mann und freut sich, dass es mir anscheinend ganz gut geht. Alles paletti. Nachts um 1:00 Uhr dann das heulende Elend. Euphorische Zustände können Nebenwirkungen der Narkose sein. Das Loch danach ist um so tiefer. Ich schleiche heulend durch die Gänge, um meine Zimmergenossin nicht zu wecken. Am nächsten Morgen fahre ich wieder heim.
Mein Mann hat um unser Kind keine Träne vergossen. Wir haben schlimme Streits, aber wir sind (noch) zusammen. Jetzt, da ich hier sitze und schreibe, ist alles wieder ganz frisch und ganz nah. 2 Wochen danach kommt das Untersuchungsergebnis. Nichts. Das Kind war schon soweit resorbiert, dass man noch nicht einmal mehr embryonale Zellen feststellen konnte. Mir bleibt ein Ultraschallbild als einzige Erinnerung. Ich konnte mich nie richtig von meinem Kind verabschieden. Aus irgendeinem Grund weiß ich, dass es ein Mädchen war. Ich habe immer Gedanken gehabt, wie es wird, wenn das Kind vielleicht nicht gesund ist. Hatte ich beim ersten schon wegen der Asthmaanfälle und dem dadurch entstandenen Sauerstoffmangel. Aber, dass mein Kind einfach so stirbt... nicht mehr in mir wachsen will... mich nicht als Mutter will... ich weiß, keiner hat Schuld, aber ich mache mir Vorwürfe. Unser erstes Kind habe ich nicht aus vollem Herzen gewollt. Das zweite, das ich wollte, hat Gott mir genommen. Ich sehe das als meine persönliche Strafe an und weiß nicht, wie ich damit leben soll. Immer, wenn ich ein paar Tage denke, jetzt wird es besser, kriege ich wieder eine Blutung. Die kommen jetzt im Abstand von 3 Wochen und sind so extrem, dass ich jede Stunde OB wechseln muss und nachts mit Babywindeln schlafe. Viel gesprochen wird über das Thema allgemein nicht. Und wenn, dann kommen die "typischen" Kommentare: "Ihr seid ja noch jung... Ihr habtschon ein Kind... probier's halt wieder..."
Man geht davon aus, dass fast jede 2. Schwangerschaft frühzeitig endet, viele davon, schon bevor sie überhaupt bemerkt werden, also vor dem Ausbleiben der ersten Periode.
Cidy