Epilepsie bei Kindern: Wenn das Kind zuckt und krampft

Epilepsie bei Kindern
  • Muskelzuckungen und Verkrampfungen sind die häufigsten Anzeichen für einen epileptischen Anfall.
  • Ein epileptischer Anfall ist immer eine Notsituation.

Plötzlich krampft das Kind, ist nicht mehr ansprechbar und zuckt am ganzen Körper: Bei dem ersten epileptischen Anfall des eigenen Kindes sind Eltern machtlos und verstehen oft nicht, was eigentlich gerade passiert. So plötzlich der Anfall kommt, geht er auch wieder. Für Eltern ist es durch diese Unberechenbarkeit wichtig, zu erfahren, wie die Epilepsie sich äußert und was Anfälle hervorrufen kann.

1. Symptome der Epilepsie

abwesendes Kind

Absencen sind leichte, epileptische Anfälle.

Je nachdem, um welche der vielen unterschiedlichen Epilepsieformen und individuellen Ausprägungen es sich handelt, können die Symptome sich unterscheiden. Es gibt jedoch ein paar allgemeine Anzeichen eines epileptischen Anfalls:

  • Bewusstseinsstörungen: geistige Abwesenheit für einige Sekunden oder längere Zeit
  • Ohnmacht
  • Vermehrter Speichelfluss
  • Verdrehen der Augen
  • Krampfanfälle: Muskelzuckungen am ganzen Körper

Etwa 5 Prozent der Bevölkerung erleidet mindestens ein Mal im Leben einen epileptischen Anfall, insgesamt sind etwa ein Prozent der Bevölkerung von der Erkrankung betroffen. Sie kann in jedem Alter auftreten, tritt aber signifikant häufig erstmals im Kindesalter oder im Seniorenalter auf.

2. Die häufigsten Epilepsieformen

Form Erstmaliges Auftreten Symptome Prognose
Rolando-Epilepsie Zwischen 3. und 12. Lebensjahr Nächtlicher Anfall mit kehligen Lauten, starkem Speichelfluss gut
Dravet-Syndrom Zwischen 3. und 12. Lebensmonat Rhythmisches Zucken von Armen, Beinen und Gesicht ungünstig
Juvenile myoklonische Epilepsie Zwischen 12. und 18. Lebensjahr Starkes Muskelzucken und heftige Armbewegungen gut
West-Syndrom Zwischen 2. und 8. Lebensmonat Muskelzucken und Verkrampfungen, Beugung von Rumpf und Kopf ungünstig
Lennox-Gastaut-Syndrom Zwischen 3. und 5. Lebensjahr Plötzliche Anspannung oder völlige Erschlaffung des Körpers ungünstig

 

müdes Kind

Müdigkeit kann epileptische Anfälle auslösen.

Rolando-Epilepsie: Von der rolandischen Form sind ausschließlich Kinder betroffen und es ist  die häufigste Epilepsie-Form bei Kindern. Bei der Kinderepilepsie erleiden die Kinder einen Anfall, oft nachts im Schlaf.
Betroffen ist oft eine Gesichtshälfte,  die Kinder stoßen kehlige Laute aus und sie sondern viel Speichel ab. In vielen Fällen bleiben die seltenen Anfälle nach dem 15. Lebensjahr langsam aus und es bleiben bis auf vermehrte Leseschwierigkeiten keine Schäden zurück.

Dravet-Syndrom: Die Ursache für das Dravet-Syndrom (Myoklonische Frühenzephalopathie bzw. frühe infantile epileptische Enzephalopathie) liegt oft in einer Genmutation. Die Kinder erkranken zumeist zwischen dem 3. und 12. Lebensmonat.
Während eines Anfalls zucken die Kinder rhythmisch mit den Armen, Beinen und dem Gesicht. Diese Form der Epilepsie ist schwer zu behandeln, weshalb es zu Entwicklungsstörungen kommt.

Juvenile myoklonische Epilepsie: Diese Epilepsie-Form tritt erstmals zwischen dem 12. und 18. Lebensjahr auf. Sie geht zumeist mit starken Muskelzuckungen einher, insbesondere die Arme werden stark bewegt. Mit Medikamenten können die Anfälle, die oft nach dem Wachwerden oder bei Übermüdung auftreten, gut kontrolliert werden.

Tipp:
Epileptische Anfälle bei Kleinkindern werden oft mit schlafgebundenden Störungen wie dem harmlosen Nachtschreck (Pavor nocturnus) verwechselt. Auch hier kommt es zu Abwesenheit und heftigen Armbewegungen.

West-Syndrom: Das Syndrom wird auch Blitz-Nick-Salaam-Epilepsie genannt. Es handelt sich um eine seltene und schwere Epilepsie-Form, die oft zu Entwicklungsstörungen führt. Sie tritt erstmals zwischen dem 2. und 8. Lebensmonat auf und zeigt sich in Muskelzuckungen, die den ganzen Körper oder einzelne Teile betrifft sowie Verkrampfungen der Nacken- und Halsmuskulatur.

Lennox-Gastaut-Syndrom: Die Ursache für diese Epilepsie-Form kann ein Sauerstoffmangel während der Geburt oder eine Entwicklungsverzögerung sein. Sie tritt erst zwischen dem 3. und 5. Lebensjahr auf und geht mit plötzlichen Anspannungen im Körper oder einer völligen Erschlaffung der Muskulatur einher.
Die Anfälle entstehen oft mehrmals am Tag, weshalb es ein erhöhtes Sicherheitsrisiko für die Kinder gibt. Es treten oft Lern- und Sprachschwierigkeiten auf und ein Großteil der Kinder wird niemals selbstständig leben können.

Eine Epilepsie ist insofern heilbar, als dass Kinder und Jugendliche aus den körperlichen Ursachen der Erkrankung wortwörtlich herauswachsen. Oft müssen die Betroffenen aber lebenslang Medikamente nehmen.

3. Ursachen für Epilepsie im Kindesalter

Medikamente

Bei vielen Epilepsieformen helfen nur Medikamente.

So vielfältig die Varianten der Epilepsie sind, so vielfältig können die Ursachen sein. Im Einzelfall ist der Grund zumeist nicht klar zu benennen, aber es gibt einige allgemeine Voraussetzungen, die eine epileptische Erkrankung begünstigen können:

  • Veränderungen im wachsenden Gehirn von Kindern
  • Veränderungen im Bau der Nervenzelle
  • Stoffwechselstörungen
  • Schlafentzug
  • Infekte (mit Fieber)
  • Hirnschäden vor oder während der Geburt
  • gutartige, ungewöhnliche Gewebsbildungen im Gehirn
  • Anstieg des Hirndrucks
  • Bösartige Hirntumore

 

Auslöser

Auch Fieber ist bei Kindern häufig ein Auslöser für einen Anfall. Zu den weiteren Auslösern gehören Stress, Übermüdung, Überanstrengung oder eine Unter- oder Überzuckerung.

Es gibt Epilepsie-Formen, die familiär gehäuft vorkommen: Die Veranlagung zu einer höheren Wahrscheinlichkeit, an einer Epilepsie zu erkranken, kann deshalb genetisch bedingt sein.
Auch wenn die Epilepsie keine Erbkrankheit ist, können epileptische Anfälle der Nebeneffekt einer Erbkrankheit sein.
Außerdem ist die Epilepsie signifikant häufiger bei Kindern mit körperlichen und geistigen Behinderungen anzutreffen.

Im Akutfall wird ein epileptischer Anfall oft durch die starke Reizung eines Sinnes ausgelöst, z.B. ein flackerndes Licht, hoher Fernsehkonsum, laute Geräusche.

4. Erste Anzeichen von Epilepsie bei Kindern

Nicht jeder epileptische Anfall geht mit signifikanten Symptomen wie Krämpfen und heftigen Bewegungen von Armen und Beinen einher. Vor allem die ersten Anfälle können sehr unscheinbar sein. Sie werden Absencen genannt.

4.1. Absencen: Nur für einen kurzen Moment abwesend

MRT-Auswertung

In einem MRT kann eine Epilepsie erkannt werden.

Bei einer Absence handelt es sich um einen epileptischen Anfall, der besonders häufig bei Kleinkindern und Kindern im Schulalter vorkommt.
Die Kinder sind dann nur für eine kurze Zeit nicht ansprechbar, außerdem können sie sich nicht an den Anfall erinnern. Je nach Form sind die betroffenen Kinder nur für Außenstehende kurz nicht erreichbar oder können auch für einige Sekunden nicht mehr agieren, was Unfälle verursachen kann.
Weil die Absencen eher unauffällig sind, werden die Kinder als verträumt, unkonzentriert oder als „Hans Guck-in-die-Luft“ beurteilt.

4.2. Myoklonische Anfälle: Ein kurzes Zucken

Auch ein mykolonischer Anfall ist unscheinbar und kann leicht verwechselt werden. Hier kommt es zu einer kurzen und intensiven Muskelzuckung, als wenn dem Kind ein Schauer über den Rücken läuft oder es erschreckt wurde. Auch ein mykolonischer Anfall kann nur wenige Sekunden lang sein.
Auch wenn diese Epilepsieformen nicht dramatisch wirken, können sie Spuren im Gehirn hinterlassen. Deshalb sollten Eltern sich bei einem Verdacht medizinisch beraten lassen.

4.3. Nicht-epileptische Anfälle

Kleinkind

Affektanfälle können epileptischen Anfällen ähneln.

Es gibt auch eine große Bandbreite an nicht-epileptischen Anfällen bei Kindern, die ähnliche Symptome erklären. Im frühen Alter bis zu sechs Jahren leiden etwa 5 Prozent der Kinder an Affektanfällen. Dabei schreien und weinen sich Kinder so sehr in Rage, dass es u.a. zu Verkrampfungen und Bewusstlosigkeit kommt.
Auch der Nachtschreck kann epileptischen Anfällen ähneln. Sicherheit erhalten Eltern durch eine medizinische Beobachtung und einer MRT-Untersuchung.

5. Behandlung von Epilepsie bei Kindern und Jugendlichen

Da eine Epilepsie oft nicht heilbar ist, wird sie zumeist symptomatisch behandelt. Durch eine Therapie sollen die Anfälle möglichst selten ausbrechen oder grundsätzlich unterbunden werden – in jedem Fall sollen sie so kontrollierbar werden.

Nahrungsmittel der Ketogenen-Diät

Eine ketogene Diät kann Besserung bringen.

  • Auslöser meiden: Im Alltag sollten Kinder und Eltern die wahrscheinlichsten Auslöser von epileptischen Anfällen lernen zu vermeiden. Deshalb ist es wichtig, dass auch die Pädagogen im Kindergarten oder der Schule über die Erkrankung informiert sind. So kann ein Großteil der Anfälle vermieden werden (ca. 70 Prozent) .
  • Medikamente: Oft ist eine medikamentöse Behandlung notwendig. Während eines stationären Aufenthaltes wird ein passendes Medikament gefunden und die Dosis optimal eingestellt. Zu den häufigen Nebenwirkungen dieser Therapieform gehören eine allgemeine Verlangsamung der Bewegungen und des Denkens, Zittern und eine leichte Ermüdung.
  • Operation: In seltenen Fällen soll ein Abfall der Anfall-Häufigkeit mit einer Operation wie der Vagus-Nerv-Stimulation erreicht werden.
  • Ketogene Diät: In einigen Fällen kann die fettreiche, aber kohlenhydrat- und eiweißarme Ernährungsform die Anfall-Häufigkeit senken. Nebenwirkungen können aber Verstopfungen, Müdigkeit und Wachstumsstörungen sein.
  • Biofeedback-Methode: Ältere Kinder und Jugendliche können lernen, die Anzeichen eines epileptischen Anfalls rechtzeitig zu erkennen und Maßnahmen ergreifen, um sie zu unterdrücken.
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