Legasthenie – Wenn Wörter keinen Sinn ergeben

Legasthenie
  • Unter einer Legasthenie wird im europäischen Sprachraum eine Lese-Rechtschreib-Störung verstanden.
  • Die betroffenen Kinder bzw. Erwachsenen haben enorme Probleme, Texte zu lesen und inhaltlich zu verstehen sowie orthografisch korrekt zu schreiben.
  • Es gibt keine erfolgsversprechende Behandlung der Störung, die Betroffenen können nur ermutigt werden, die fehlenden Kompetenzen anzuerkennen und auszugleichen.

Gemeinsam Geschichten lesen, das erste selbstgeschriebene Gedicht zum Mutter- oder Vatertag und das erste Lieblingsbuch des Nachwuchses: Zu den schönsten Momenten in der Elternschaft gehört es, wenn die eigenen Kinder die fantastische Welt der Buchstaben und Wörter entdecken. Was aber, wenn sich das Kind sehr schwer beim Lesen lernen tut und auch die einfachsten Wörter nach langem Lernen noch falsch schreibt? Dann liegt vielleicht eine Legasthenie vor. Aber was ist das? Und wie lässt sich diese Störung behandeln? Hier erfahren Sie alles zu den verschiedenen Ursachen von Lese-Rechtschreib-Störungen und wie diese behandelt wird.

1. Definition und Symptome der Legasthenie

Legasthenie Ursachen

In den ersten Schuljahren macht sich die Legasthenie bemerkbar.

Viele Kinder interessieren sich schon vor dem Start in die Schulzeit für Buchstaben und Zahlen, können ihren Namen schreiben oder spielen „Lesen“. Spätestens in den ersten Schuljahren lernen Kinder lesen und schreiben, mal etwas schneller oder langsamer. Nach und nach verschwinden aber typische Anfängerfehler und die Kinder gewinnen an Sicherheit.

Ist dieser Prozess nicht zu erkennen und fällt es einem Kind sehr schwer, zu lesen oder fehlerfrei zu schreiben, dann kann eine Legasthenie vorliegen. Dabei handelt es sich laut dem internationalen Klassifikationsschema ICD-10 der Weltgesundheitsorganisation (WHO) um eine Lese- und Rechtschreibstörung (LRS) oder eine isolierte Rechtschreibstörung handeln. Die Legasthenie ist nicht als Behinderung anerkannt. Weitere mögliche Ursachen wie eine unterdurchschnittliche Intelligenz, Entwicklungsverzögerungen, psychische Erkrankungen, Hirnschädigungen oder Rückstände durch den lückenhaften Besuch der Schule müssen für eine einwandfreie Diagnose ausgeschlossen werden.

Die Begriffe „Legasthenie“ und „Lese-Rechtschreib-Störung“ werden nahezu synonym verwendet.

Bei der LRS (F81.0) können die Kinder nicht fehlerfrei schreiben und sie haben auch große Probleme Texte zu sinnhaft zu lesen. Bei einer isolierten Rechtschreibstörung (F81.1) können die Kinder lesen, aber nicht fehlerfrei schreiben.

2. Dyslexie, LRS und Legasthenie – Ursachen der Störungen

Legasthenie

Trotz Lernens wird die Rechtschreibung nicht besser, was Eltern und Kind unter Druck setzt.

Die Ursachen der Legasthenie werden in der genetischen Anlage vermutet. So gibt es Familien, in denen die Störung vermehrt auftritt, weshalb davon ausgegangen wird, das die Störung vererbbar ist.

Davon ist die Dyslexie zu unterscheiden, die im deutschsprachigen Raum oftmals eine besondere Bedeutung hat. Damit ist oftmals eine Lese-Rechtschreib-Schwäche gemeint, die durch eine Hirnschädigung verursacht wurde. Diese LRS ist in einem gewissen Sinne erworben. Unter einer erworbenen Dyslexie wird aber auch eine LRS verstanden, die aufgrund von einem unzureichenden Lese- und Rechtschreibtraining auftritt.

Bezeichnung Legasthenie Dyslexie
Ursache Entwicklungsstörung mit unklarer Ursache, womöglich genetisch bedingt Hirnschädigung durch Unfall oder Erkrankung als Baby, Kind oder Erwachsener (z.B. Schlaganfall)
Anzeichen während des Spracherwerbs fehlende Erfolgserlebnisse beim Erwerb der Lese- und Rechtschreibkompetenz dieselben Anzeichen wie Legasthenie, zusätzlich Schwierigkeiten beim Reimen, schlechte Hand-Augen-Koordination, Konzentrationsprobleme
Behandlung Training mit LRS-Therapeuten, Psychotherapie Lese-Rechtschreibtraining, Psychotherapie

 

3. Anzeichen einer Legasthenie: Keine Lust auf Buchstaben

Legasthenie

Kinder mit Legasthenie können nur langsam lesen und erfassen die Inhalte schwer.

Die Legasthenie schleicht sich zumeist langsam in den Schul- und Familienalltag ein. Es stellen sich nach dem anfänglichen Schulbesuch keine Verbesserungen ein. Die Lehrer geben den Eltern womöglich die Rückmeldung, dass das betroffene Kind eine zusätzliche Förderung benötigt und zu Hause geübt werden soll. Aber auch mit dem Üben und Wiederholen von Buchstaben, Wörtern und Sätzen verbessern sich die Lese- und Rechtschreibfähigkeiten nicht.

Symptome für Leseschwäche

  • Gelesene Wörter werden nicht wiedererkannt
  • es wird nur sehr langsam vorgelesen
  • häufiges Stocken beim Vorlesen
  • das Kind verliert sich in der Zeile
  • Wörter, Silben und Buchstaben werden ausgelassen, vertauscht oder hinzugefügt
  • nach dem Lesen kann das Kind kaum Aussagen über den Inhalt des Gelesenen treffen
  • Werden Fragen zu dem Gelesenen gestellt, antwortet das Kind mit Vermutungen oder seinem vorhandenen Allgemeinwissen

Symptome für Rechtschreibschwäche

Komorbide Störung

Ein unabhängiges Krankheitsbild, das als Begleitung zu einer Störung auftritt. So kann die Legasthenie von ADHS oder auch einer Rechenschwäche begleitet werden.

  • sehr viele Fehler bei Diktaten und Texten, die abgeschrieben werden sollen
  • Wörter werden nicht vollständig ausgeschrieben
  • Wörter werden im Text immer wieder anders geschrieben
  • keine einheitliche Handschrift, unleserlich und in variierender Schriftgröße

Da das Lesen und Schreiben wesentliche Fähigkeiten sind, um auch in anderen Schulfächern gute Leistungen zu erbringen, sind die Leistungen von Kindern mit Legasthenie häufig auch in anderen Fächern nicht optimal. Auch wenn Kinder ein ausgezeichnetes Zahlenverständnis haben, können sie ihre Leistungen beispielsweise bei Textaufgaben im Mathematikunterricht nicht abrufen. Ähnliches gilt im Fremdsprachenerwerb. Legastheniker können sich womöglich mündlich sehr gut verständigen, erbringen aber schriftlich keine guten Leistungen.

Sind zusätzlich Probleme beim Erlernen und Ausüben der vier Grundrechenarten zu beobachten, kann es sich um eine sogenannte komorbide Störung (Begleitstörung) handeln. Liegt eine isolierte Rechtschreibstörung vor, können die Kinder sehr wohl Texte lesen, haben aber erhebliche Probleme im Buchstabieren und in der korrekten Wortschreibung.

4. Legasthenie feststellen: Genaue Beobachtung des Kindes

Legasthenie Symptome

Die Dyslexie hat ihre Ursache in Hirnschädigungen.

Liegt der Verdacht der Legasthenie vor, führen die behandelnden Ärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie bzw. Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten ein ausführliches Gespräch mit den Eltern des Kindes. So können sich die Experten ein umfassendes Bild von bisherigen oder aktuellen Erkrankungen des Kindes, bekannte Sprachstörungen, psychischen Problemen oder anderen Auffälligkeiten machen, die Teil einer Ursache sein könnten.

Zudem werden die Seh- und Hörfunktion des Kindes getestet, um weitere Ursachen durch Fehlsichtigkeit oder auditive Schwierigkeiten auszuschließen. Weitere Möglichkeiten, einen möglichst eindeutigen Nachweis zu erbringen, sind ein Legasthenie-Test sowie verschiedene Testverfahren, in denen das Kind auf Legasthenie oder/und eine Dyskalkulie möglich.

5. Legasthenie behandeln: Kontinuierliches Training notwendig

Legasthenie

Die betroffenen Kinder leiden vor allem psychisch unter der Störung.

Wurde eine Legasthenie diagnostiziert, ist dies zunächst einmal eine Erleichterung für die Eltern. Je länger das Kind unter einer nicht erkannten Lese-Rechtschreib-Störung gelitten hat, desto größer ist der Druck auf das betroffene Kind und die Eltern, die schlechten Leistungen in der Schule zu erklären.

Liegt die Diagnose vor, können die Pädagogen über die Störung informiert werden, damit sie diese im Schulalltag berücksichtigen können. Inwieweit die Legasthenie in Hinsicht auf die Notengebung berücksichtigt werden darf, ist von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich. Eine Lese-Rechtschreib-Störung kann nicht mit Medikamenten behandelt werden.

Ausgehend von der individuellen Situation des Kindes, sollte eine besondere Leseförderung sowie eine Rechtschreibförderung durchgeführt werden. Die betroffenen Kinder werden dann beispielsweise auf eine spezielle Weise darin unterrichtet, orthografische Häufigkeiten in der deutschen Sprache zu erkennen und so ihre Rechtschreibung zu verbessern. Außerdem gibt es ein breites Angebot an Spielen und Übungen, die sich den Lernbedürfnissen von Legasthenikern anpassen.

Achtung: Auch wenn alle Behandlungsmöglichkeiten genutzt werden, verbessern sich die Lese- und Rechtschreibfähigkeiten der Kinder zumeist nicht signifikant..

Neben der Förderung von Kompetenzen ist die Psychotherapie zumeist unabdingbar. Viele Kinder mit Dyslexie bzw. LRS leiden unter der Störung, da sie schulisch nicht erfolgreich sind oder womöglich sogar gemobbt werden. Schulversagung, Ängste oder Minderwertigkeitskomplexe sind oft Begleiterscheinungen zu der eigentlichen Störung. Deshalb sind für die betroffenen Kinder oftmals eine psychotherapeutische Unterstützung und eine langfristige Therapie wichtiger als das eigentliche Behandeln der LRS.

6. Bedeutung der Legasthenie im Schulalltag

Legasthenie Therapie

Durch spezielle Trainings können sich die Rechtschreibung und Lesekompetenz etwas verbessern.

1985 erkannte Schleswig-Holstein als erstes Bundesland die Legasthenie als Störung an, die im Schulrecht Beachtung finden muss. Das Bundesland setzte fest, das Legastheniker beispielsweise einen Zeitzuschlag von bis zu 50 Prozent und einen Notenschutz bei schriftlichen Schularbeiten erhalten.

Erst 2003 hat die Kultusministerkonferenz (KMK) „Grundsätze zur Förderung von Schülerinnen und Schülern mit besonderen Schwierigkeiten im Lesen und Rechtschreiben oder im Rechnen“ beschlossen. Heute geht jedes Bundesland im Schulrecht unterschiedlich mit LRS um, so dass es keine einheitlichen Bestimmungen gibt.

7.Prävention der Legasthenie: Gute Basis schaffen

Es ist fraglich, ob eine erblich bedingte Legasthenie vermeidbar ist. Um aber das Risiko für eine LRS möglichst gering zu halten, sollte bereits im Kindergarten auf eine optimale Spracherziehung geachtet werden. Gemeinsam singen, reimen und in der Vorschule erste positive Erfahrungen machen, stärken das phonetische Bewusstsein und das Selbstbewusstsein der Kinder. Im Elternhaus sollte darauf geachtet werden, dass die Kinder mit Büchern aufwachsen und möglichst oft vorgelesen bekommen. Das macht sie auf die Buchstabenwelt neugierig und weckt die Lernmotivation.

1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars (47 votes, average: 4,30 out of 5)
Loading...

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.