Muskelschwund bei Baby und Kind. Auf den ersten Blick wirken Erkrankte häufig nur „tollpatschig“

Muskelschwund Kind
  • Muskelschwund ist eine Krankheit, bei der die Muskeln im Körper ihre Arbeit einstellen.
  • Muskelschwund ist unheilbar und schmälert in den meisten Fällen die Lebenserwartung.
  • Die Ursache der Erkrankung liegt häufig in den Genen.

Herzlichen Glückwunsch, Sie haben ein gesundes Kind auf die Welt gebracht. Was Sie anfänglich noch in Freudentaumel geraten ließ, kann sich dann relativieren, wenn Sie Auffälligkeiten an Ihrem Kind bemerken. Ja, es gibt tollpatschige Kinder, aber es gibt auch Kinder, die krankhaft tollpatschig sind. Dann ist diese Tollpatschigkeit vielleicht auf eine Degeneration der Muskeln zurückzuführen – auf Muskelschwund.

1. Muskelschwund bezeichnet eine Degeneration der Muskeln

Muskelschwund bei Erwachsenen

Nach einem Bandscheibenvorfall fühlt sich die Muskulatur an, als wäre sie außer Gefecht gesetzt worden. Auch eine langfristige Nicht-Belastung – beispielsweise nach einer Knie-OP – kann zum Muskelschwund führen.

Muskelschwund kann ein Resultat von Verletzungen an Nerven oder Gelenken sein, kann auf Stoffwechselerkrankungen zurückgeführt werden oder eine Folge einer neurologischen Erkrankung sein.
Der Muskelschwund, der schon bei Säuglingen zutage tritt, ist meist nicht auf ein bestimmtes Ereignis oder eine Erkrankung zurückzuführen, sondern ist häufig Folge einer Genmutation. Das Protein, das für den Aufbau der Muskeln zuständig ist, das sogenannte Dystrophin, wird aufgrund eines Defekts nicht ausreichend gebildet. Das führt zum Absterben der Muskeln. In diesem Fall ist Vererbung die Ursache der Erkrankung.

2. Jeder Muskel im Körper kann betroffen sein

Der Muskelschwund kann alle Muskelpartien im Körper angreifen, muss er aber nicht. Daraus ergeben sich Krankheitsbilder, die den Namen derer tragen, die sie erforscht haben.

2.1. Spinale Muskelatrophie

Kugelberg-Welander und Werdnig-Hoffmann sind Ärzte, die die Spinale Muskelatrophie erforscht haben.

  • Der Muskelatrophie Typ 1 (Morbus Werdnig-Hoffmann) tritt bei sehr jungen Kindern auf. Diese Form des Muskelschwunds betrifft den kompletten Körper. Die Verkrümmung der Wirbelsäule (eine sogenannte Skoliose) ist auf den Mangel an stützenden Muskeln zurückzuführen. Diese Krankheit verläuft sehr schnell tödlich. Die Lebenserwartung liegt bei drei Jahren.
  • Die Muskelatrophie Typ 2 tritt zwischen dem achten Lebensmonat und etwa eineinhalb Jahren auf. Vor allem die Muskulatur in den Unterschenkeln und Oberschenkeln ist kaum ausgeprägt. Die Lebenserwartung liegt zwischen zehn und 20 Jahren. Bei diesem Krankheitsbild ist eine sogenannte Trichterbrust üblich.
  • Die Muskelatrophie Typ 3 (Morbus Kugelberg-Welander) tritt zwischen dem Alter von drei bis 30 Jahren auf. Die Lebenserwartung ist nur geringfügig reduziert.

2.2. Genetisch bedingte Muskeldystrophien Duchenne und Becker

Die Deutsche Gesellschaft für Muskelkranke e.V. publiziert unter dgm.org ein Video über die genetisch bedingten Muskelschwundarten Becker und Duchenne. Etwa ein Junge von 3.500 neugeborenen Jungen hat Muskelschwund vom Typ Duchenne. Das Krankheitsbild Becker verläuft langsamer und milder.

Muskeldystrophie Duchenne Muskeldystrophie Becker
Schwierigkeiten beim Sitzen, Stehen, Aufstehen und Laufen durchziehen die Kindheit des Duchenne-Kindes. Es bildet sich ein Hohlkreuz aus. Das Becken kippt nach vorn. Die Schulterblätter stehen ab. Das ist die Folge schwacher Schultermuskeln. Eingeschränkt ist die Lebenserwartung vor allem wegen der Schwäche, Atemwegserkrankungen eigenständig abzuhusten. Asymmetrische Kontrakturen, die bereits früh an den Sprunggelenken sichtbar werden, sind ein deutliches Zeichen für dieses Syndrom. Eine Beeinträchtigung der Hirnleistung ist möglich, eine geistige Behinderung kann die Folgeerscheinung sein.

3. Abnehmende Muskelkraft ist das Symptom von Muskelschwund

Muskelschwund bedingt Trinkschwäche

Eine Trinkschwäche beim Säugling kann viele Gründe haben – auch eine Muskelschwund-Erkrankung.

Symptome, die auf Muskelschwund beim Baby hinweisen, sind häufig mit Blick auf eine reguläre Entwicklung anzusiedeln. Ist eine Entwicklungsverzögerung zu bemerken, kann diese auf Muskelschwund beim Baby zurückzuführen sein – muss sich aber nicht. So sind die folgenden Symptome auch zu verstehen – als Indiz, aber nicht als Beweis.

  • Pränatale Phase: Zeigte Ihr Baby auffällig wenig Bewegungen im Bauch, kann dies ein Indiz für Muskelschwund beim Baby sein.
  • Nach der Geburt: Eine ausgeprägte Trinkschwäche, häufiges Verschlucken eine nur geringe Nahrungsaufnahme sowie ein daraus resultierendes gehemmtes Wachstum können ein Symptom für Muskelschwund beim Baby sein. Bei Säuglingen mit deutlich weniger Muskelkraft sollten Sie den Arzt konsultieren.
  • Erstes Jahr und Kleinkindalter: Erst spät kann ein Baby mit Muskelschwund den Kopf eigenständig heben. Bei Säuglingen fällt diese Entwicklungsverzögerung häufig noch nicht auf bzw. wird mit dem Argument „Spätentwickler“ abgetan. Das Sitzenlernen fällt diesen Kindern ebenso schwer wie die ersten Schritte. Häufiges Stolpern und ein unsicherer „Watschelgang“ sind bezeichnend. Achtung : Eine vermeintlich stramme und muskulöse Wade vermittelt oft eine falsche Sicherheit, denn gerade bei Muskelschwund beim Kind zeigt sich hier lediglich eine Fettablagerung, aber keine Muskelmasse.
  • Kindesalter: Ein breitbeiniger, beinahe schaukelnder Gang ist ein typisches Symptom für ein Kind mit Muskelschwund. Bei Jungen zeigt sich häufig eine starke Hohlkreuzbildung. Der Rücken wirkt deformiert. Die Schultern ebenso. Der Einsatz eines Rollstuhl kann bereits im Kindesalter erfolgen, kann aber auch erst im Jugendalter akut werden.
  • Jugendalter: Muskelschwund im Jugendalter ist gezeichnet von schweren Gliedern. Arme und Beine zu bewegen, fällt extrem schwer. Das Gehvermögen ist nicht altersgerecht entwickelt. Es gibt große Schwierigkeiten beim Treppenansteigen und anderen Bewegungsabläufen, die das Anheben der Beine bedingen. Der Muskelschwund erfasst schubweise diverse Körperpartien – Oberarm, Unterarm, Oberschenkel, Unterschenkel sowie die Muskulatur im Gesicht.
  • Erwachsenenalter: Die Muskeln werden zunehmend schwächer. Die Ausdauer sinkt. Atem- und Herzbeschwerden sind die Folge.

4. Um die Diagnose zu bestätigen oder zu widerlegen, erfolgt der Gang zum Kinderarzt

Gibt es bereits Symptome, die eine Erkrankung an Muskelschwund denkbar machen, ist Ihr Frauenarzt sowie – nach der Geburt – der Kinderarzt Ihres Kindes der erste Ansprechpartner. Je nach Alter des Kindes ist eine Vorstellung beim Neurologen denkbar und möglich. Grundsätzlich gilt: Je früher die Erkrankung erkannt wird, desto besser schlagen Therapiemöglichkeiten an.

Um Muskelschwund zu diagnostizieren, erfolgt zunächst die Aufnahme der Krankheitsgeschichte (auch mit Blick auf die Familienanamnese). Nun folgt die körperliche Untersuchung des Kindes. Die Muskeln an Armen, Beinen, Kopf und Rumpf werden auf deren Funktions- und auch Reflexfähigkeit hin überprüft. In der Regel folgt nun noch eine Blutuntersuchung. Bei einem begründeten Verdacht wird zudem eine genetische Untersuchung (Speichel- und Blutprobe) initiiert.

5. Muskelschwund ist nicht heilbar, aber behandelbar

Muskelschwund deformiert den Körper

Je nachdem, welche Form von Muskelschwund das Kind hat, ist eine Deformation des Oberkörpers zu beobachten. Die Beinmuskulatur ist zu schwach, um das Kind aufrecht stehen zu lassen.

Muskelschwund beim Baby, beim Kind, beim Jugendlichen und beim Erwachsenen ist nicht heilbar. Die Krankheit endet tödlich. Allerdings lässt sich der Verlauf der Krankheit positiv beeinflussen, wenn Sie Therapiemöglichkeiten mit den behandelnden Ärzten ausloten. Das erklärte Ziel aller therapeutischen Maßnahmen ist der Erhalt der Muskelkraft und damit auch der Erhalt der Lebensqualität. Zudem sollen Atemwegserkrankungen verhindert, die Mobilität erhalten und ggf. etwaige Hilfsmittel ergänzt werden.

Auch eine Behandlung durch Medikamente (zum Beispiel mit Cortison) ist denkbar, beispielsweise um Schmerzen zu lindern, die mit der Deformation der Knochen einhergehen. Da die Muskeln als starke Stützen ihrer Arbeit nicht mehr nachgehen, kommt es häufig zu Schmerzen chronischer Natur. Operationsverfahren sind denkbare Wege, um die Muskelkraft möglichst lange zu erhalten bzw. deren Stützfunktion anderweitig zu übernehmen.

Wichtig: Nicht nur das Kind mit Muskelschwund, sondern auch Sie brauchen nun Unterstützung. Um den anwachsenden Pflegeaufwand stemmen zu können, ist es wichtig Ihre Psyche regelmäßig zu stabilisieren.

6. Wenn die Muskelkraft schwindet, droht der Verlust der Mobilität

Welchen Stellenwert Muskeln im menschlichen Körper einnehmen, wird meist erst bei der Diagnose der Krankheit erkannt. Was der Verlust der Funktionalität der Muskeln bedeutet, zeigt sich mit Blick auf einige Muskelpartien.

  • Der Verlust der Muskelkraft im Mund kann ungeahnte Folgen haben: Ist der Muskel der Zunge betroffen, fällt das Sprechen schwer.
  • Das Herz ist mitunter ein Muskel im menschlichen Körper. Hört dieser Muskel auf zu arbeiten, stirbt der Mensch.
  • 19 verschiedene Muskeln befinden sich an der menschlichen Hand. Ist die Muskulatur zwischen Daumen und Zeigefinger betroffen, verliert der Erkrankte die Greifkraft.
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