Mutismus. Durch einen Defekt wird Angst überbewertet – und hemmt die Sprache

  • Mutismus ist eine überdimensional große Angst bei Kindern. Diese Angst äußert sich so, dass mutistische Kinder jegliche Kommunikation außerhalb ihrer eigenen Sicherheitszone ablehnen.
  • Mutismus ist auf eine Hypersensibilität im Gehirn zurückzuführen. Eben dort meldet der Impulssensor ein großes Gefahrenpotenzial, obgleich es das gar nicht gibt.
  • Mutismus lässt sich therapieren. Welche Form der Therapie helfen kann, ist abhängig von der auslösenden Ursache.

Mutismus. Was ist das? Wenn Sie so reagieren, ist das nicht schlimm, sondern lediglich ein Zeichen dafür, dass Sie sich bis dato noch nicht mit Mutimus auseinander setzen mussten, dies aber nun tun wollen oder müssen. Die Angst der Kinder vor der Kommunikation gilt es zu verstehen, bevor die passende Therapie helfen kann.

1. Die Angst der Kinder verhindert eine normale Kommunikation

Mutismus ist mit Blick auf die Bedeutung des Ursprungswortes nicht ganz korrekt. Das lateinische Wort „mutus“ heißt auf Deutsch nämlich „stumm“. Ein Kind, das an Mutismus leidet, ist allerdings nicht stumm im Sinne von „nicht-sprachfähig“. Ein Kind, das an Mutismus leidet, hemmt vielmehr seine Angst. Deswegen spricht es nicht oder beispielsweise nicht außerhalb der eigenen vier Wände.

Um zu unterstreichen, dass ein mutistisches Kind nicht stumm ist, wird Mutismus in der Fachliteratur auch als selektiver oder elektiver Mutismus bezeichnet. Diese Ergänzung soll zeigen: Dieses Kind ist nicht immer stumm. Der totale Mutimus wäre das Pendant. Dabei spricht das Kind nicht einmal mit den Eltern. Cerebellärer Mutismus ist per Definition das Unvermögen, Laute zu äußeren.

Mutimus kann eine Begleiterscheinung einer Schizophrenie sein. Die Krankheitsbilder Mutimus und Autismus in einen Topf zu werfen, ist hingegen nur wegen der sprachlichen Nähe denkbar, nicht aber mit Blick auf die Krankheit selbst.

1.1. Mutisten schweigen – allerdings nicht immer

Um Mutismus zu erkennen, ist es wichtig, dass Sie Ihr Kind nicht nur zuhause beobachten, sondern vor allem auch mit denjenigen sprechen, die mit Ihrem Kind Kontakt haben. Um die Krankheit Mutismus auch als solche erkennen zu können, sollten Sie auf diese Symptome achten.

  • Ein mutistisches Kind kompensiert sein Schweigen gegenüber anderen mit einem Überschwall an Kommunikationslust zu Hause.
  • Mutistische Kinder haben nicht nur Angst vor der Kommunikation, sondern auch vor altersspezifischen Herausforderungen vor allem im sportlichen Bereich, aber auch in alltäglichen Situationen wie beispielsweise beim Zubettgehen.
  • Ein mutistisches Kind schweigt gegenüber Fremden, in speziellen Situationen und gegenüber bestimmten Menschengruppen.
  • Ein Kind mit Mutismus scheut die Showbühne. Im Mittelpunkt steht es nicht gerne. Es hat Angst davor, wie es selbst Dritten gegenüber wirkt.

1.2. Mutisten blicken ins Leere, Schüchterne können sich aklimatisieren

Das ein Kind schüchterner ist als ein anderes, ist gerade im Kleinkindalter ganz normal. Schüchternheit hat viel mit der persönlichen Veranlagung zu tun. Der Unterschied zwischen einem schüchternen und einem mutistischen Kind lässt sich beim genauen Hinsehen dennoch erkennen: Das mutistische Kind schweigt beharrlich und wird sich auch nicht „aklimatisieren“, weil die Angst zu groß ist. Schüchterne Kinder hingegen können sich an neue Situationen gewöhnen und sich einfinden.

2. Die Ursache für Mutismus liegt in den Genen

Mutismus lähmt die Kommunikation

Mutismus versetzt Kinder in ein Gefängnis aus Angst. Anders wie bei einem Autisten äußert sich der Mutismus nicht zuhause, sondern nur außerhalb der eigenen Komfortzone.

In den allermeisten Fällen sprechen Experten von einer „genetischen Disposition“, sprich: Die Ursache für die Ausbildung von Mutismus liegt in den Genen. Kleinkinder, die panische Angst davor haben, sich von den Eltern zu trennen, sich nicht körperlich betätigen wollen und Probleme beim Einschlafen haben, könnten Mutismus haben. Gerade diese Symptome könnten Sie vielleicht sogar schon bei Ihrem Baby ausmachen, das Sie dann mit Blick auf eine mögliche Mutismus-Erkrankung stärker beobachten sollten.

Paaren sich diese Symptome mit starken Wut- und Weinanfällen sowie einer grundsätzlich launischen Art, sprechen viele Indizien für Mutismus. Auffällig wird ein mutistisches Kind meist erst im Kindergarten. Beim Baby sind die Züge von Mutimus recht schwer auszumachen, außer das Baby geht bereits früh in die Kinderkrippe. Außerhalb der Familie kann sich die genetische Disposition so äußern: Das Kind verfällt beinahe in eine Schockstarre und blickt häufig ins Leere. Mutistische Kinder lachen nicht laut, sie weinen nicht und sie husten nicht – um ja nicht aufzufallen. Zudem vermeiden sie die Blickfixierung.

2.1. Der Impulssender im Gehirn reagiert zu stark

Medikamente dienen der Unterstützung

Eine Behandlung kann mit Medikamenten unterstützt werden. So können Antidepressiva Ängste reduzieren, weil sie direkten Einfluss auf den Serotoninspiegel des Menschen nehmen. Auch bietet die Homöopathie Mittel, die eine Therapie begleiten und unterstützen können.

Die wissenschaftliche Erklärung für mutistische Kinder heißt „Amygdala“. So wird der Teil des Gehirns bezeichnet, der immer dann Impulse aussendet, wenn eine Gefahr droht. Die Impulse wirken sich auf den ganzen Körper aus. Sie reduzieren die Stoffwechseltätigkeit, um alle verfügbaren Ressourcen auf die Gefahrenquelle lenken zu können. Sie bereiten gedanklich bereits die Flucht vor.

Bei mutistischen Kinder ist gerade an dieser Stelle im Gehirn eine Feinjustierung fehlgeschlagen, denn: Der Angstreflex ist nicht in gesundem Maße dimensioniert, sondern reagiert selbst dann mit Angstimpulsen und einer entsprechenden Reaktion, wenn gar kein Auslöser vorhanden ist.

2.2. Extremsituationen verschärfen die Angst der Kinder

Sobald ein mutistisches Kind in die Extremsituation Kindergarten oder Schule gerät, beginnt die Unfähigkeit zu wachsen, sich aus dem Angstgefühl aus eigener Kraft zu lösen. Häufig ist auch das Umfeld des mutistischen Kindes ein besonderes, weil Kinder entweder zweisprachig aufwachsen, einem großen mentalen Druck ausgesetzt sind.

3. Die Diagnose „Mutismus“ sollte so früh wie möglich fallen

Der Kinderarzt oder ein Kinderpsychologe können Mutismus diagnostizieren. Hat Ihr Kinderarzt keine Kenntnisse zu diesem Krankheitsbild, können Sprachtherapeuten die richtige Anlaufstelle sein. Ist der Mutismus erkannt, gilt es die schweigenden Kinder aus ihrer Angst- und Schweigewelt zu holen. Würde dies nicht passieren, kann das weitreichende Folgen für die Psyche Ihres Kindes haben. Sie sollten möglichst schnell reagieren, denn mit der Zeit wird aus dem unverstandenen Mutisten ein Außenseiter. Passiert das in der Pubertät, folgen Schulprobleme, die nicht selten in einer Depression oder einer regelrechten Schulphobie münden können.

3.1. Die Therapieform ist abhängig vom Auslöser

  • Die Spieltherapie geht davon aus, dass ein Trauma aus der frühen Kindheit Auslöser des Mutismus war. Ist dies der Ansatzpunkt, erfolgt zuerst die Fahndung nach dem Trauma und dessen Ursachen, bevor es darum geht, das mutistische Kind von der Angst zu befreien. Ziel ist in diesem Fall, das Trauma zu überwinden.
  • Die Verhaltenstherapie hat einen ganz anderen Standpunkt. Verhaltenstherapeuten gehen davon aus, dass die aus der Angst resultierende Sprachlosigkeit erlernt wurde und entsprechend wieder verlernt werden muss. Die Therapie ist stark durch Konfrontationen geprägt. Der Fachbegriff der Desensibilisierung wird in diesem Zusammenhang häufig verwendet.
  • Die Sprachtherapie setzt bei mutistischen Kindern am „Impulssender“ an, der falsch justiert ist. In der Logopädie geht es nicht darum, in der Vergangenheit zu forschen, sondern das Angstpotential aus Kommunikationssituationen zu entzerren. Die Therapie erfolgt schrittweise und beginnt mit einzelnen Lauten, die es gegenüber dem Therapeuten zu äußeren gilt. Wie die Therapie in der Logopädie erfolgen kann, zeigt dieses Video:

4. Ein Mutismus-Test kann die Therapie begleiten

Mutismus Therapie beim Sprachtherapeuten

Spiel- und Verhaltstherapien sind ebenso denkbar wie eine logopädische Behandlung.

Für einen Austausch unter Betroffenen sorgt der Verein Mutismus Selbsthilfe Deutschland e.V., der Informationsschriften bereithält und ein breites Veranstaltungsprogramm rund ums Thema Mutismus bietet. Einen Mutismus-Test finden Sie hier. Laut dem Verein StillLeben e.V., der den Mutismus Test zur Verfügung stellt, kann dieser sowohl als Grundlage des Austauschs dienen als auch als Kontrollinstrument während einer Therapie.

 

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